12 Jahre Baby Roo - die Firmengeschichte

Berit Kessler
Berit Kessler - Firmengründerin und Inhaberin von Baby Roo

 

 

Im November 2007 habe ich die Firma Baby Roo in Israel gegründet. 12 Jahre später ist es Zeit für einen Rückblick auf die etwas andere Firmengeschichte, zusammengefasst im heutigen Blogbeitrag.

 

 

Mein Leben in Israel

Nach dem Abitur arbeitete ich 1 Jahr als Voluntärin im Kibbutz Ein Gedi am Toten Meer. Dort lernte ich den Vater meiner Kinder kennen. Ich kehrte nach Deutschland zurück, um Geografie in Trier zu studieren. 5 Jahre Fernbeziehung folgten und schließlich wurde unser 1.Kind 2001 in Trier geboren. Mit meinem 6 Wochen altem Sohn zog ich nach Israel, wo sein Vater lebte. Im September 2001 heirateten wir.

Ford Fiesta in der Wüste
1998 fuhr ich mit dem Ford Fiesta von Trier bis in die Wüste nach Israel. Ich lebte draußen in der Wüste, alles was ich dabei hatte, war in diesem kleinen roten Auto.

Scheidung und Ausreisesperre

Ich lebte mit meinen inzwischen 3 Kindern, die damals 1,3 und 5 Jahre alt waren, in dem kleinen Dorf Mitzpe Ramon, in der Negev Wüste in Israel. Ich hatte mich vom Vater meiner Kinder, einem israelischen Beduinen, getrennt.

 

Mein Ex war gewalttätig geworden und hatte heimlich eine 2.Frau geheiratet, mit der er Kinder im gleichen Alter hatte.

 

Ich wollte zurück nach Deutschland, konnte aber nicht das Land verlassen, da meine Kinder eine Ausreisesperre hatten, die vom Vater vor Gericht erwirkt wurde.

 

Da saß ich nun mit 3 kleinen Kindern, ohne Visa, ohne Arbeitserlaubnis, ohne Krankenversicherung, ohne familäre Unterstützung und einem Ex, der keinen Unterhalt zahlte in einem kleinen verfallenen Häuschen, mit undichtem Dach und ohne funktionsfähige Dusche. Einem Ex Mann, der gewalttätig und unberechenbar ist. Und einem Sorgerechtsstreit vor dem Shaariyagericht.

 

Ich erhielt Hartz 4 über die deutsche Botschaft, da ich durch das laufende Sorgerechtsverfahren gegen meinen gewalttätigen Ex nicht nach Deutschland zurückkehren konnte.

 

Allerdings erhielt nur ich finanzielle Unterstützung, meine 3 Kinder wurden nicht mit berechnet, da sie neben der deutschen, auch die israelische Staatsbürgerschaft haben. Es war unmöglich vom Hartz 4 Satz , der nur für mich berechnet wurde, 3 Kinder zu ernähren. Ohne die Unterstützung durch Spendenaktionen im Internet und Menschen vor Ort wäre es nicht machbar gewesen und ich hätte bereits damals ohne meine Kinder das Land verlassen müssen.

 

Einen Job konnte ich nicht finden, da ich keine Arbeitserlaubnis bekam, obwohl ich zu dem Zeitpunkt bereichts das 7. Jahr in Israel lebte und mit einem Israeli verheiratet war und wir gemeinsame Kinder hatten. Ein Grund war, dass Israel die Ehe nicht anerkannt hatte, da er laut Shaariya eine 2.Frau hatte, die Israelin war. Polygamie ist in Israel verboten. Laut Gesetz wird es mit 4 Jahren Gefängnis geahndet, leider wurde das Gesetz bisher nie angewandt.

 

Zudem müssen Firmen höhere Steuern für einen Ausländer zahlen, so dass Israelis immer bei einem Job bevorzugt werden. Die Gehälter sind selbst für Israelis sehr niedrig und würden noch nicht einmal die Kindergartenkosten für 3 Kinder decken. Als Ausländerin hatte ich keine Möglichkeit Unterstützung in Israel zu erhalten.

Mitzpe Ramon in Israel.
Mitze Ramon liegt mitten in der Wüste - ein Dorf mit 5000 Einwohnern

Die Firmengründung

Ich hatte meine Kinder von Anfang an getragen und hatte mir bereits beim 1. Kind ein Tragetuch in Deutschland gekauft. Oft wurde ich auf das Tragetuch angesprochen, da es damals in Israel nur elastische Tücher gab und die Menschen auch gerne ihre größeren Kinder tragen wollten. So kam mir bereits 2001 die Idee Tragetücher nach Israel zu importieren. Es sollte aber fast 7 Jahre bei der Idee bleiben, bis ich im November 2007 erstmals eine Arbeitserlaubnis für 6 Monate erhielt.

 

In Deutschland entwickelte sich damals so allmählich der Tragemarkt, es war eine Aufbruchstimmung und einige Mütter entwickelten Babytragen und bauten Firmen auf, die sich heute etabliert haben. Es wurde viel ausprobiert,man tauschte sich aus. Es waren die Anfänge vom Internet und Onlinehandel, eine Wendezeit.

 

Ich wollte Tragetücher und Tragen importieren und in Israel über einen Onlineshop verkaufen. Ohne Geld und mit den täglichen Sorgen, wovon ich den nächsten Lebensmitteleinkauf bezahlen kann, eine sehr schwierige Ausgangsposition.

Ich lieh mir von einem Israeli Geld um 5 Tragetücher zu importieren. Das war der Anfang von meinem Onlineshop.

 

Als ich die Tücher in Israel versuchte zu verkaufen, musste ich schnell feststellen, das die Israels Tragehilfen wollten und keine Lust hatten ein Tuch zu binden. Noch einmal musste ich mir Geld leihen, um eine uralte gebrauchte Nähmaschine zu kaufen und fing an Tragehilfen für Neugeborene zu nähen, da es für so kleine Babys kaum was gab.

 

Die Trage waren für den israelischen Markt gedacht. Ich teilte Bilder der genähten Tragen in einem Forum und erhielt so die ersten Bestellungen aus dem deutschsprachigen Raum.

Es folgten Bestellungen von Kunden weltweit und Händleranfragen. So wurde ich zum Hersteller von Babytragen.

 

6 Monate Arbeitserlaubnis waren nicht viel und im Anschluss erhielt ich keine Verlängerung. Ich machte trotzdem weiter. Es folgten Jahre mit der ständigen Angst das Land ohne meine Kinder verlassen zu müssen und ein Kampf gegen das Innenministerium, um eine Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis zu erhalten.

Die unzähligen Stolpersteine

Im Mai 2008 zog ich mit meinen Kindern von Mitzpe Ramon nach Kiriat Gat. Laut Gericht durfte ich den Süden Israels nicht verlassen. Kiriat Gat war die nördlichste Stadt, in die ich ziehen durfte, ich wollte möglichst weit weg von meinem gewalttätigen Ex, der mich in Mitzpe Ramon ständig beobachten lies.

 

Der Vater meiner Kinder ist Beduine, ein Moslem mit einer sehr großen Verwandtschaft. Seine Ehre war verletzt, da ich ihn verlassen hatte und unser Leben war in Gefahr, besonders in den Wüstengebieten. Ehrenmorde sind im Islam keine Ausnahme.

 

Meine beiden größeren Kinder musste ich am Wochenende zum Vater bringen, obwohl er gewalttätig war. Im Mai brachte ich meine Kinder das letzte Mal zu Vater, er brachte sie nach dem Wochenende nicht zurück. Ein jahrelanger Rechtsstreit begann, verbunden mit unzähligen Umzügen, immer aus Angst vor ihm. Mein jüngster Sohn war bei mir, da ich ihn noch stillte, war der Vater an ihm noch nicht interessiert.

 

Als wenn diese Probleme noch nicht reichten, kam es Ende 2008 zu einem Krieg mit Gaza. Mehrfach am Tag hatten wir Raketenalarm, eine Rakete landete nur 100m Luftlinie von unserer Wohnung entfernt. Kiriat Gat liegt nahe an der Grenze zu Gaza. Bei einem Alarm hatten wir nur 45 Sekunden Zeit uns in Sicherheit zu bringen. Als Ausländerin bekam ich keine Gasmaske vom Staat, die Israelis erhalten diese während eines Krieges.

 

Nun geriet ich mit meiner Firma in den Nahost Konflikt und wurden von einigen Kunden und Händlern boykotiert, so wollten vor allem Händler aus der U.K. nicht aus Israel bestellen. Ich selbst versuchte seit Jahren Israel mit meinen Kindern zu verlassen und hatte mit der israelischen Politik und dem Konflikt nichts zu tun. Ich saß selbst in meiner Wohnung und hatte Angst von einer Rakete getroffen zu werden. Das Boykott brachte mich in große finanzielle Probleme. Aber irgendwie habe ich immer wieder Wege gefunden und habe weitergemacht.

Protest in Tel Aviv
Demo vor der deutschen Botschaft in Tel Aviv - Mein Fall war kein Einzelfall.

Die ersten 3 Jahre habe ich alle Tragen selbst genäht, saß viele Nächte an meiner Nähmaschine in der Küche und bekam viel zu wenig Schlaf. Ohne finanzielle Grundlage konnte ich allerdings keine Näherin einstellen oder die Produktion an eine Näherei übergeben.

 

2010 hatte ich so viele Vorbstellungen, dass ich es alleine nicht mehr schaffen konnte und wollte einige Bestellungen von einer Näherin in einem Drusendorf in der Nähe von Haifa nähen lassen, die mir von einer Bekanntin empfohlen wurde.

 

Ich fuhr also zu der Näherin, um sie anzulernen, wir nähten eine Trage zusammen und  anschließend sollte sie eine Trage alleine nähen, ohne dass ich dabei war. Sie nähte die Trage gut und ich gab ihr 10 Tragen zum Nähen.

 

Nach 1 Woche sollten die Tragen fertig sein. Die Frau hatte allerdings Mut gefasst sich von ihrem Mann zu trennen, als sie sah, dass ich alleinerziehend bin. Sie fuhr erst einmal für 2 Wochen in den Urlaub nach Jordanien. Für mich eine Kathastrophe, die Kunden warteten auf ihre Bestellungen, ich kam nicht an die Stoffe ran und sie war noch nicht einmal dran die Tragen zu nähen. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Urlaub abzuwarten.

 

2 Wochen später, ich fuhr voller Hoffnung die fertigen Tragen abholen zu können mit einer Freundin zusammen in das Drusendorf. Die Näherin hatte die Tragen zwar genäht, aber so schlecht, dass ich die so keinem Kunden schicken konnte. Ich wollte nur meine Stoffe mitnehmen und gehen, ohne sie zu bezahlen. Aber so leicht kommt man aus einem Drusendorf nicht raus.

 

Sie rief ihre erwachsenen Söhne an, die kontaktieren sofort die große Verwandtschaft. Eine große Gruppe bildete sich auf der Straße, ohne zu zahlen, würden wir das Dorf nicht verlassen können. Meine Fraundin bekam Panik und rief die Polizei.

 

Nach ca. 30 Minuten traf die Polizei ein. Gegen die Familienclans traut sich selbst die Polizei nicht vorzugehen. Ich musste zahlen und wird verliesen zusammen mit der Polizei das Dorf. Da stand ich nun mit Tragen, die ich nur noch in den Müll schmeisen konnte, Kunden, die schon viel zu lange auf ihre Tragen warteten und ohne Geld eine andere Näherin zu bezahlen. Ich nähte Tag und Nacht, um die Bestellungen fertig zu machen.

 

Nach einigen Monaten fand ich eine Näherin, eine Dänin, die wegen ihrer Kinder ebenfalls in Israel fest saß. Mit ihr hatte ich meine erste zuverlässige Näherin gefunden.

Kurz darauf fand ich eine kleine Näherei, die schliesslich bis Ende 2016 die Huckepack Tragen nähte.

 

Im April 2014 durfte ich durch einen Gerichtsbescheid Israel mit meinem jüngsten Sohn verlassen und nach Deutschland ziehen. Meine anderen beiden Kinder durfte ich seither nicht mehr sehen, der Vater unterbindet jeglichen Kontakt.

 

Seit 2014 hatte Baby Roo den Firmensitz in Trier, damals arbeitete ich noch von Zuhause aus. Seit 2017 sind in die Geschäftsräume in Gusterath Tal, wenige Kilometer von Trier entfernt. Die Babytragen werden heute in Tschechien und Deutschland genäht.

 

Durch die Firma konnte ich von zu Hause aus arbeiten. Als alleinerziehende Mutter, ohne Familie, die mich unterstützen würde, war das eine gute Lösung, um zu arbeiten und nicht von den Kindergartenzeiten oder den Schulferien abhängig zu sein und meine Arbeitszeit frei einteilen zu können. Gerade als mein jünster Sohn nach kleiner war, habe ich sehr viel nachts gearbeitet.

 

Noch heute zahle ich die Kosten, die durch die Anwälte und Psychologen entstanden sind ab. So eine Geschichte hat lebenslange Folgen. Wir leben heute in einer Welt, die global ist, aber unsere Gesetze sind veraltet. Vor allem Mütter und Kinder, die aus einer gewalttätigen Beziehung geflüchtet sind, leiden unter dem Haagener Abkommen weltweit.

 

Mit jedem Kauf einer Huckepack Trage, helft ihr mir also die Schulden abzubezahlen und meinen Lebensunterhalt zu beschreiten. Ich möchte mich hiermit für die Unterstützung in den letzten 12 Jahren bedanken. Einige von euch hatten sich auch an den Spendenaktionen beteiligt und meine Geschichte mit im Internet verbreitet. Danke nochmals dafür.

Dieser Blogbeitrag erzählt nur einen kleinen Teil der Firmengründung und meiner persönlichen Geschichte dahinter. Wer mehr erfahren möchte, ich habe ein Buch geschrieben, welches im Oktober 2014 veröffentlicht wurde.

 

Buch Berit Kessler

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